Zitat:
“Die besondere Durchschnittsfrau
Filmtage-Stargast Annie Girardot kam gestern abend in Tübingen an
Wenn sie irgendwo stünde, nicht in Cannes, nicht in Venedig, nicht
in Tübingen, dann würde sie vielleicht nicht weiter auffallen.
Ein interessantes Gesicht, aber sonst ist sie eher unscheinbar, ganz
klein und schmal. Unauffällig ist Annie Girardot, der Stargast der
diesjährigen Französischen Filmtage, jedoch nur, solange sie
schweigt. Wenn sie zu reden beginnt, dann zeigt sich ihr vulkanisches
Temperament. Sie redet ohne Punkt und Komma, kein schüchternes „Arrête!“ bringt
sie zum Einhalten. Vielleicht ein sehr energisches. Sie redet und gestikuliert
mit geschmeidigen Bewegungen. Sie redet aber auch mit rauer (pardon:
Monsieur le Sponsor) Gitanes-Stimme. Sie redet – und ihr Glück,
daß sie auch was zu sagen hat.
Kaum ist sie gestern Abend in Tübingen angekommen, wird sie im Kino
Atelier noch von wenig Publikum, jedoch von den Medien umringt, kein
Vergleich zu Cannes, aber auch hier: Funk, Fernsehen und Lokalzeitung. „Wenn
Sie nur die deutsche Übersetzung mitbekommen haben“, lacht
sie am Ende des Gesprächs, „nur gut, auf Französisch
bin ich unerträglich.“ Sie lacht und ihr Gesicht ist überzogen
von Falten. Weder sie selber, im schlichten schwarzen Anzug, macht sich
was draus, noch nimmt ihr irgendjemand das krumm; sie kann es sich leisten
zu altern, sie kann sich immer noch ihre Rollen aussuchen. Gerade brachte
sie in Moskau das Stück eines brasilianischen Autors „Madame
Marguerite“ auf die Bühne. Eine monologisierende Alte, „komplett
verrückt“, die ihren Schülern, dem Publikum, Abwehrkräfte
fürs Leben einimpft. Denn, so ihre Rede, wenn man auf die Welt kommt,
ist man eigentlich schon verloren.
Annie Girardot hat in ihrem Leben, so scheint es, genau das gefunden,
was sie wollte. Die heute 63jährige bekämpfte ihr schon früh
entdecktes Talent nicht, sie lernte nur erst was Solides und vergaß es
dann schnell. Die Schauspielerei erwies sich als der solideste Sockel.
Auch nach vierzig Jahren ist da noch nichts gebröckelt. Das französische
Kino erlaubt wohl am ehesten von allen auch weiblichen Stars, alt zu
werden.
Annie Girardot gehörte nie zur Kategorie der Vamps, sie verkörperte
meist die Durchschnittsfrau: die verlassene Ehefrau, das späte Mädchen,
die mütterliche Freundin.
Einer ihrer Lieblingsregisseure ist Claude Lelouch. Noch ein Drehtag
steht ihr in seinem jüngsten Film bevor, eine neue Variante von „Les
Miserables“ (nach Victor Hugo). Die letzte Zusammenarbeit war in „Il
y a des Jours et des Lunes“, vor zwei Jahren der Eröffnungsfilm
des Festivals. Ein anderer Regisseur, den sie bewundert, ist, man höre
und staune, Steven Spielberg. „E.T. Ist große Klasse!“ Diese
Mischung aus monströs und liebenswert findet sie unglaublich gut. „Jurassic
Parc“ hat sie allerdings aus dem Kino flüchten lassen. Vorher
ist sie jedoch richtig ärgerlich geworden und hat laut zu schimpfen
begonnen. Nur Effekte und dramaturgisch mißlungen, ihr Urteil über
den Filmgiganten. Steckte vielleicht tief in ihr einmal ein heimlicher
Hollywood-Traum? Amerika, das wäre für sie ein Land der sehr
begrenzten Möglichkeiten gewesen, sagt Annie Girardot. „Ich
spreche kein Englisch.“ In Cinecittà dagegen hatte sie keine
Probleme. Anfang der sechziger Jahre bei den Dreharbeiten zu Viscontis „Rocco
und seine Brüder“ lernte sie ihren spätere Ehemann kennen,
Renato Salvatori, und schlug Wurzeln in Italien. Was heute von Cinecittà,
dem römischen Hollywood, übrig geblieben ist, erfüllt
sie allerdings mit Melancholie. „Nur noch Retorte, keine Stimmung,
nur noch Schnellrestaurants!“
Digitales Kino? „Das gibt es?“ wundert sie sich. Stars aus
der Retorte und ewige Jugend? „Nein“, schüttelt sie
sich, „das ist für mich Jurassic Parc“.
Bis Montag bleibt Anne Girardot in Tübingen. „Wenn man mich
so lange behält“, sagt sie am gestrigen Abend im Kino Atelier
vor der Vorführung von „La vieille Fille“. Fast sieht
es so aus, als ob ein Film von Montag sie in die Flucht schlüge: „Les
Braqueuses“ von Jean-Paul Salomé wird nämlich ind er
Girardot-Hommage gezeigt. Er sei total daneben gegangen, warnt die Schauspielerin.
Am besten gleich aus dem Programm nehmen. Komisch gedacht, doch völlig
unwitzig. Sie selber würde einen Film von 1961, den Franco Rossi
in Los Angeles drehte, empfehlen. „Smog“ heißt das
noch nicht mal vergessene, sondern gleich gar nicht entdeckte Werk.”
Schwäbisches
Tagblatt. Juni 1994, ust
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