1994


Annie Girardot

Zitat:

“Die besondere Durchschnittsfrau
Filmtage-Stargast Annie Girardot kam gestern abend in Tübingen an
Wenn sie irgendwo stünde, nicht in Cannes, nicht in Venedig, nicht in Tübingen, dann würde sie vielleicht nicht weiter auffallen. Ein interessantes Gesicht, aber sonst ist sie eher unscheinbar, ganz klein und schmal. Unauffällig ist Annie Girardot, der Stargast der diesjährigen Französischen Filmtage, jedoch nur, solange sie schweigt. Wenn sie zu reden beginnt, dann zeigt sich ihr vulkanisches Temperament. Sie redet ohne Punkt und Komma, kein schüchternes „Arrête!“ bringt sie zum Einhalten. Vielleicht ein sehr energisches. Sie redet und gestikuliert mit geschmeidigen Bewegungen. Sie redet aber auch mit rauer (pardon: Monsieur le Sponsor) Gitanes-Stimme. Sie redet – und ihr Glück, daß sie auch was zu sagen hat.
Kaum ist sie gestern Abend in Tübingen angekommen, wird sie im Kino Atelier noch von wenig Publikum, jedoch von den Medien umringt, kein Vergleich zu Cannes, aber auch hier: Funk, Fernsehen und Lokalzeitung. „Wenn Sie nur die deutsche Übersetzung mitbekommen haben“, lacht sie am Ende des Gesprächs, „nur gut, auf Französisch bin ich unerträglich.“ Sie lacht und ihr Gesicht ist überzogen von Falten. Weder sie selber, im schlichten schwarzen Anzug, macht sich was draus, noch nimmt ihr irgendjemand das krumm; sie kann es sich leisten zu altern, sie kann sich immer noch ihre Rollen aussuchen. Gerade brachte sie in Moskau das Stück eines brasilianischen Autors „Madame Marguerite“ auf die Bühne. Eine monologisierende Alte, „komplett verrückt“, die ihren Schülern, dem Publikum, Abwehrkräfte fürs Leben einimpft. Denn, so ihre Rede, wenn man auf die Welt kommt, ist man eigentlich schon verloren.
Annie Girardot hat in ihrem Leben, so scheint es, genau das gefunden, was sie wollte. Die heute 63jährige bekämpfte ihr schon früh entdecktes Talent nicht, sie lernte nur erst was Solides und vergaß es dann schnell. Die Schauspielerei erwies sich als der solideste Sockel. Auch nach vierzig Jahren ist da noch nichts gebröckelt. Das französische Kino erlaubt wohl am ehesten von allen auch weiblichen Stars, alt zu werden.
Annie Girardot gehörte nie zur Kategorie der Vamps, sie verkörperte meist die Durchschnittsfrau: die verlassene Ehefrau, das späte Mädchen, die mütterliche Freundin.
Einer ihrer Lieblingsregisseure ist Claude Lelouch. Noch ein Drehtag steht ihr in seinem jüngsten Film bevor, eine neue Variante von „Les Miserables“ (nach Victor Hugo). Die letzte Zusammenarbeit war in „Il y a des Jours et des Lunes“, vor zwei Jahren der Eröffnungsfilm des Festivals. Ein anderer Regisseur, den sie bewundert, ist, man höre und staune, Steven Spielberg. „E.T. Ist große Klasse!“ Diese Mischung aus monströs und liebenswert findet sie unglaublich gut. „Jurassic Parc“ hat sie allerdings aus dem Kino flüchten lassen. Vorher ist sie jedoch richtig ärgerlich geworden und hat laut zu schimpfen begonnen. Nur Effekte und dramaturgisch mißlungen, ihr Urteil über den Filmgiganten. Steckte vielleicht tief in ihr einmal ein heimlicher Hollywood-Traum? Amerika, das wäre für sie ein Land der sehr begrenzten Möglichkeiten gewesen, sagt Annie Girardot. „Ich spreche kein Englisch.“ In Cinecittà dagegen hatte sie keine Probleme. Anfang der sechziger Jahre bei den Dreharbeiten zu Viscontis „Rocco und seine Brüder“ lernte sie ihren spätere Ehemann kennen, Renato Salvatori, und schlug Wurzeln in Italien. Was heute von Cinecittà, dem römischen Hollywood, übrig geblieben ist, erfüllt sie allerdings mit Melancholie. „Nur noch Retorte, keine Stimmung, nur noch Schnellrestaurants!“
Digitales Kino? „Das gibt es?“ wundert sie sich. Stars aus der Retorte und ewige Jugend? „Nein“, schüttelt sie sich, „das ist für mich Jurassic Parc“.
Bis Montag bleibt Anne Girardot in Tübingen. „Wenn man mich so lange behält“, sagt sie am gestrigen Abend im Kino Atelier vor der Vorführung von „La vieille Fille“. Fast sieht es so aus, als ob ein Film von Montag sie in die Flucht schlüge: „Les Braqueuses“ von Jean-Paul Salomé wird nämlich ind er Girardot-Hommage gezeigt. Er sei total daneben gegangen, warnt die Schauspielerin. Am besten gleich aus dem Programm nehmen. Komisch gedacht, doch völlig unwitzig. Sie selber würde einen Film von 1961, den Franco Rossi in Los Angeles drehte, empfehlen. „Smog“ heißt das noch nicht mal vergessene, sondern gleich gar nicht entdeckte Werk.”
Schwäbisches Tagblatt. Juni 1994, ust


Richard Bohringer