1986

Zitat:
„ Von Innen nach Außen
Der Regisseur Jean Renoir und sein Schlüsselwerk „Die Spielregel“
Es gehört schon einigen Mut dazu, die Filme des Jean Renoir ins Zentrum eines Festivals zu stellen. Renoirs in Frankreich gedrehte Arbeiten stammen aus den dreißiger Jahren (nach „La règle du jeu“ ging er nach Amerika) und sind unseren heutigen Sehgewohnheiten eher fern, vieles wirkt koventionell und brav – und birgt doch den Keim des Neorealismus (man sehe nur „Toni“), der Nouvelle Vague, des europäischen Autorenkinos in sich. Bilder aus der Filmgeschichte – wir haben die Chance einer Nachhilfestunde und können das Entstehen gegenwärtiger Erzähltechniken von hinten verfolgen.
Die Begeisterung, die den Pariser Kritikerpapst André Bazin angesichts der „Spielregel“ überkam, ist heute schwer nachzuvollziehen. Der Film wird am heutigen Samstag ganztags im Museum II gezeigt; ich habe ihn, ziemlich allein in einem leeren Kino, vorab angeguckt und war zunächst mehr gelangweilt als amüsiert von diesen biederen Bäumchen-wechsle-dich-Amouren.
Doch mit der Zeit dämmert einem, dass die Kamera die ungewöhnlichsten Wege geht, und am Schluss löst sich das mondäne Treiben, die ständige Bewegung in eher starre Einstellungen auf, die die Figuren sehr schutzlos machen.
Exposition und Spielwiese sind eher theatralisch als filmisch: die verschiedensten Männer bemühen sich um Christiane, eine Frau aus der dekadenten Großbourgeoisie. Deren Gatte wiederum hat eine Geliebte, und sogar die Kammerzofe der gnädigen Frau... und so fort. Man hört das Drama förmlich klappern, die munteren Avancen kulminieren in einem Maskenball, bei dem alle die Masken fallen lassen, chaplineske Keilereien ausbrechen, man wild hintereinander herrennt – und die Kamera rennt immer mit.
Das ist, von heute aus gesehen, mehr lächerlich als decouvrierend. Eine untergehende Klasse legt nochmal Rouge auf, ein bisschen „Figaros Hochzeit“ in der Vorkriegsära, na und. Allerdings hat Renoir diese koventionell gebauten Szenen durch die Figur des Fliegers Jurieu kontrapunktiert, der das lockere Divertissement nicht mitmacht und eben dadurch, dass er wirklich liebt, die „Spielregel“ verletzt. Damit verlässt auch der Regisseur das Terrain der reinen Unterhaltung – und es beginnt der moderne Film.
Renoir lässt gleich anfangs, nachdem er eine durch Menschenmassen drängelnde Rundfunkreporterin in einer langen Kamerafahrt verfolgt hat, den berühmten Amerikaflieger Jurieu wie einen Schulbuben ins Mikrophon stammeln: Der Mann denkt nicht an die Atlantiküberquerung, sondern an die Liebe. Gleich darauf baut er einen Autounfall: Man sieht danach den unglücklichen Piloten und seinen Beifahrer grotesk debattierend auf einem Erdhügel. Überhaupt: Die Außenaufnahmen haben eine ganz andere Qualität als das mäßige Kostümfest, das im Innern eines Landschlosses abrollt; Renoir lässt die Kamera mit geduldigen Suchbewegungen eine Landschaft abtasten und dann auf [...], eines komischen Tölpels stehenbleiben. Danach eine Treibjagd: Zunächst in der Totale die Phalanx, der Treiber, dann die Flug- und Laufbewegungen von Kaninchen und Fasanen, die abrupt von Gewehrschüssen gestoppt werden.
Mit diesen Chiffren nimmt Renoir vorweg, was in etwas galanterer Verpackung später im Karneval der Liebesspiele passieren wird. Der gesamte Film ist symbolverliebt durchkomponiert, ständig werden Kleider getauscht, Renoir selbst tritt als Tanzbär in Aktion, man sieht schlitzohrige Filous und tumb-teutonische Jagdaufseher, heruntergekommener Adel verbrüdert sich mit arbeitslosem Prolo im gemeinsamen Liebesunglück, im Fernglas sieht man die Ehebrecher und im Gewächshaus hört man die Treueschwüre. Bis zum tödlichen Ende – der einzig Wahrhaftige, der leidende Himmelsflieger, wird irrtümlich abgeknallt.
Der Film, kurz vor Kriegsbeginn 1939 herausgekommen, wurde von Kritik und Publikum scharf abgelehnt; man fand die Darstellung der französischen Gesellschaft als heruntergekommen-labiles Völkchen „demoralisierend“. Damit tat man dem früheren Volksfront-Aktivisten Renoir sicher unrecht. Später wurde der Film dann von André Bazin als Meisterwerk gefeiert – sicher eine Überschätzung, die Innenaufnahmen sind zwar tiefenscharf ausgestaltet, aber die Schauspieler bewegen sich hölzern und geziert, ohne Psychologie, laue Komödianten. Renoir selbst ist als Mime ein grauenvoller Übertreiber – aber das sind die dreißiger Jahre. Spannend wird es immer dann, wenn es nach draußen geht, wenn die Menschen in der Natur immer kleiner werden – oder sie für sich benutzen („Partie de Campagne“ ist Renoirs heiterster, verspieltester Film). Renoir auf den Filmtagen: Drôle de drame unter kühlem Blick.“
gam, Schwäbisches Tagblatt, 15.11.1986