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Von Innen nach Außen
Der Regisseur Jean Renoir und sein Schlüsselwerk „Die Spielregel“
Es gehört schon einigen Mut dazu, die Filme des Jean Renoir ins Zentrum
eines Festivals zu stellen. Renoirs in Frankreich gedrehte Arbeiten stammen
aus den dreißiger Jahren (nach „La règle du jeu“ ging
er nach Amerika) und sind unseren heutigen Sehgewohnheiten eher fern, vieles
wirkt koventionell und brav – und birgt doch den Keim des Neorealismus
(man sehe nur „Toni“), der Nouvelle Vague, des europäischen
Autorenkinos in sich. Bilder aus der Filmgeschichte – wir haben die
Chance einer Nachhilfestunde und können das Entstehen gegenwärtiger
Erzähltechniken von hinten verfolgen.
Die Begeisterung, die den Pariser Kritikerpapst André Bazin angesichts
der „Spielregel“ überkam, ist heute schwer nachzuvollziehen.
Der Film wird am heutigen Samstag ganztags im Museum II gezeigt; ich habe
ihn, ziemlich allein in einem leeren Kino, vorab angeguckt und war zunächst
mehr gelangweilt als amüsiert von diesen biederen Bäumchen-wechsle-dich-Amouren.
Doch mit der Zeit dämmert einem, dass die Kamera die ungewöhnlichsten
Wege geht, und am Schluss löst sich das mondäne Treiben, die
ständige Bewegung in eher starre Einstellungen auf, die die Figuren
sehr schutzlos machen.
Exposition und Spielwiese sind eher theatralisch als filmisch: die verschiedensten
Männer bemühen sich um Christiane, eine Frau aus der dekadenten
Großbourgeoisie. Deren Gatte wiederum hat eine Geliebte, und sogar
die Kammerzofe der gnädigen Frau... und so fort. Man hört das
Drama förmlich klappern, die munteren Avancen kulminieren in einem
Maskenball, bei dem alle die Masken fallen lassen, chaplineske Keilereien
ausbrechen, man wild hintereinander herrennt – und die Kamera rennt
immer mit.
Das ist, von heute aus gesehen, mehr lächerlich als decouvrierend.
Eine untergehende Klasse legt nochmal Rouge auf, ein bisschen „Figaros
Hochzeit“ in der Vorkriegsära, na und. Allerdings hat Renoir
diese koventionell gebauten Szenen durch die Figur des Fliegers Jurieu
kontrapunktiert, der das lockere Divertissement nicht mitmacht und eben
dadurch, dass er wirklich liebt, die „Spielregel“ verletzt.
Damit verlässt auch der Regisseur das Terrain der reinen Unterhaltung – und
es beginnt der moderne Film.
Renoir lässt gleich anfangs, nachdem er eine durch Menschenmassen
drängelnde Rundfunkreporterin in einer langen Kamerafahrt verfolgt
hat, den berühmten Amerikaflieger Jurieu wie einen Schulbuben ins
Mikrophon stammeln: Der Mann denkt nicht an die Atlantiküberquerung,
sondern an die Liebe. Gleich darauf baut er einen Autounfall: Man sieht
danach den unglücklichen Piloten und seinen Beifahrer grotesk debattierend
auf einem Erdhügel. Überhaupt: Die Außenaufnahmen haben
eine ganz andere Qualität als das mäßige Kostümfest,
das im Innern eines Landschlosses abrollt; Renoir lässt die Kamera
mit geduldigen Suchbewegungen eine Landschaft abtasten und dann auf [...],
eines komischen Tölpels stehenbleiben. Danach eine Treibjagd: Zunächst
in der Totale die Phalanx, der Treiber, dann die Flug- und Laufbewegungen
von Kaninchen und Fasanen, die abrupt von Gewehrschüssen gestoppt
werden.
Mit diesen Chiffren nimmt Renoir vorweg, was in etwas galanterer Verpackung
später im Karneval der Liebesspiele passieren wird. Der gesamte Film
ist symbolverliebt durchkomponiert, ständig werden Kleider getauscht,
Renoir selbst tritt als Tanzbär in Aktion, man sieht schlitzohrige
Filous und tumb-teutonische Jagdaufseher, heruntergekommener Adel verbrüdert
sich mit arbeitslosem Prolo im gemeinsamen Liebesunglück, im Fernglas
sieht man die Ehebrecher und im Gewächshaus hört man die Treueschwüre.
Bis zum tödlichen Ende – der einzig Wahrhaftige, der leidende
Himmelsflieger, wird irrtümlich abgeknallt.
Der Film, kurz vor Kriegsbeginn 1939 herausgekommen, wurde von Kritik und
Publikum scharf abgelehnt; man fand die Darstellung der französischen
Gesellschaft als heruntergekommen-labiles Völkchen „demoralisierend“.
Damit tat man dem früheren Volksfront-Aktivisten Renoir sicher unrecht.
Später wurde der Film dann von André Bazin als Meisterwerk
gefeiert – sicher eine Überschätzung, die Innenaufnahmen
sind zwar tiefenscharf ausgestaltet, aber die Schauspieler bewegen sich
hölzern und geziert, ohne Psychologie, laue Komödianten. Renoir
selbst ist als Mime ein grauenvoller Übertreiber – aber das
sind die dreißiger Jahre. Spannend wird es immer dann, wenn es nach
draußen geht, wenn die Menschen in der Natur immer kleiner werden – oder
sie für sich benutzen („Partie de Campagne“ ist Renoirs
heiterster, verspieltester Film). Renoir auf den Filmtagen: Drôle
de drame unter kühlem Blick.“
gam, Schwäbisches Tagblatt,
15.11.1986
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